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Tag (Donnerstag, 10.07.2003): Ausflug zum Pont du Gard
Eigentlich
hatten wir heute vorgehabt, richtig lange zu schlafen, aber der Tagesablauf in
einem provenzalischen Dorf ist anders: Schon um 8.00 Uhr früh wurde in den
umliegenden Häusern losgewerkelt, der kleine Ort begann sich zu regen. Wir
schafften es immerhin, die Geräusche bis ca. 10.00 Uhr zu ignorieren. Nachdem
wir uns dann doch schweren Herzens zum Aufstehen entschlossen hatten, machte
ich mich auf den Weg zur alimentation,
dem örtlichen Lebensmittelladen, um ein bißchen Obst und Gemüse einzukaufen.
Fröhlich beschwingt betrat ich den winzigen Laden und während ich mir noch die
orangefarbene Sonnenbrille in die Haare schob verstummte das Gespräch
zwischen Verkäuferin und der einzigen weiteren Kundin schlagartig
bei meinem Anblick. Ich muß auf die beiden wie ein Paradiesvogel
gewirkt haben und hätte mich in diesem Moment in einer Prada-Designerboutique
kaum deplazierter fühlen können. Nach einer kurzen Schrecksekunde
ging das Gespräch maschinengewehrartig weiter, aber das einzige
Wort, das ich laut und deutlich verstehen konnte war touriste.
Die sprachen über MICH! In einem kurzen Anflug von Panik kaufte
ich zwei Pfirsiche statt wie geplant etwas Wurst fürs Frühstück
und verließ den Laden so schnell wie möglich.
Danach ging es zur boulangerie, der Bäckerei, wo ich in
formvollendetem Französisch ein Baguette und zwei Croissantes bestellte. Das
klappte einwandfrei, allerdings überlegte ich hinterher, ob man in Frankreich
wirklich Baguette und Croissante sagt oder ob das eingedeutschte Begriffe sind
(Anmerkung: Später erfuhr ich, daß die Baguettes, die wir immer
kauften, in Frankreich als gros pain bezeichnet werden).
Die Verkäuferin ahnte
jedenfalls, was ich wollte. Mittlerweile völlig verwirrt starrte ich auf die
französischen Euros, als wenn ich vorher noch nie welche gesehen hätte. Die
Vielzahl von Touristen auf Gran Canaria war eine Sache. Etwas ganz anderes war
es aber, zu den ganz wenigen Touristen vor Ort zu gehören. Ich fühlte mich der
Situation noch nicht ganz gewachsen und hoffte, daß ich mit der Zeit etwas mehr
Routine beim Einkaufen entwickeln würde.
Daniel
stand in der Zwischenzeit völlig entspannt unter der Dusche und ahnte von all
dem natürlich nichts. Sein Tag begann mit einem leckeren Frühstück. Hinterher
blieben wir noch ganz gemütlich auf dem kleinen Balkon sitzen, Daniel las
Zeitung, ich in dem Buch von Peter Mayle "Mein Jahr in der Provence", das mir
mein Chef als Leselektüre empfohlen hatte und welches passenderweise in unserer
Ferienwohnung lag. Später wälzten wir unseren Reiseführer und überlegten, daß
wir den ersten Tag für einen Abstecher zum Pont
du Gard nutzen könnten. Der Pont du
Gard ist gut 30 km von St. Laurent des Arbres entfernt. Auf dem Weg dahin
konnte ich mich an ein paar Dinge erinnern, die mir aus meiner Jugend noch von
zahlreichen Touren durch Frankreich nach Spanien in Erinnerung waren. Zum einen,
daß die Franzosen häufig kurvenreiche Straßen durch geradlinigere neue ersetzen
und anschließend die alten Straßen zu hübsch von Platanen umsäumten schattigen
Parkbuchten umfunktionieren. Oder die vielen Obstverkäufer am Straßenrand, die
in kleinen mehr provisorisch wirkenden Holzunterständen ihre Waren anbieten. Da
ich deren Obst und Gemüse von früher als sehr lecker in Erinnerung hatte,
deckten wir uns gleich ordentlich ein. Nachdem ich nur hilflos auf die
Nektarinen zeigte, da mir das französische Wort dafür entfallen war, fügte ich
nicht ohne stolz und in tadellosem französisch hinzu, daß mir der Name dieser
Frucht leider nicht bekannt sei. Etwas erstaunt, aber nicht unfreundlich meinte
die ältere Dame "nectarine?" -
Französisch ist so einfach: Man läßt einfach die letzte Silbe weg und betont
die Endsilbe. Meistens klappt das. Und die restlichen 20 Worte kann man in
jedem ordentlichen Wörterbuch nachlesen. Wir hatten leider nur ein sogenanntes
Urlaubslexikon dabei, in dem so wenig hilfreiche Worte standen wie
z. B. Nierensteine, Frauenarzt, Synthetik und Skischule.
Schließlich
erreichten wir den Pont du Gard. Die ordentlichen Parkgebühren von 5 Euro waren
schnell vergessen, als wir den Aquädukt erblickten. Welch ein herrliches
Fleckchen mit erstaunlich wenigen Touristen. Der Reiseführer empfahl festes
Schuhwerk. Etwas betreten blickte ich auf meine Flip Flops. Das mußte auch ohne
gehen! So wanderten wir ganz gemütlich zum ehemaligen obersten Durchgang
hinauf, der mittlerweile leider - aber sicher besser für das Bauwerk - gesperrt
ist, genossen dort den herrlichen Ausblick auf das Flußtal, überquerten die
tieferliegende Brücke über den Gard und setzten uns am Schluß noch unten ans
Wasser. Man bekam augenblicklich Lust zum Kanufahren, Schwimmen und Faulenzen.
Leider reichte uns die Zeit dazu nicht mehr, so daß wir uns langsam auf den
Heimweg machten. Auf dem Rückweg nach Saint-Laurent hielten wir noch an einem
Supermarkt, der zwar ein großes Angebot hatte, dafür aber hinterher
unsere Kreditkarten nicht akzeptierte. Zum Glück waren die Toiletten beim Pont
du Gard kostenlos: Unser Bargeld reichte fast auf den Cent genau.
Den
Abend verbrachten wir wieder auf unserem Balkon - ganz untypisch für die
Provence - bei einem Linseneintopf aus der Tüte und Fertigspätzle, da wir keine
große Lust auf Kochen hatten. Hier noch der Hinweis, daß die Franzosen
tatsächlich behaupteten, Spätzle kämen aus dem Elsaß. Der Herstellernachweis
auf der Packungsrückseite nannte allerdings einen Ort in Baden-Württemberg.
Einer
auf Gran Canaria liebgewordenen Gewohnheit folgend, machten wir uns nach dem
Essen zu unserem ersten Abendspaziergang durch den Ort auf. Die Temperatur war
herrlich, wenige Laternen erleuchteten die Straßen und es war kaum eine
Menschenseele unterwegs außer....unverkennbar an den schicken Klamotten und den
umgehängten Handtaschen: Siehe da, es gab doch noch ein paar Touristen mehr in
Saint-Laurent-des-Arbres!
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