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Über Nachbarn

In der Wohnung gegenüber zieht ein neuer Nachbar ein. Es ist ganz sicher ein Nachbar, keine Nachbarin, denn das ganze Wohnzimmer ist noch leer, nur in der Mitte stehen zwei große CD-Ständer. Da in Köln Rolladen offensichtlich etwas ganz Außergewöhnliches sind, und wenn überhaupt vorhanden, dann nur zum Schutz gegen Einbrecher, hat man hier meistens einen recht guten Einblick in die Nachbarwohnungen. Und damit in gewisser Weise auch in den Alltag der Nachbarn. Da das hierzulande ganz normal ist, stört sich aber keiner daran. Ich glaube, es würde auch keiner auf die Idee kommen, groß darüber zu reden oder seinen Nachbarn gar darauf anzusprechen.

Ganz im Gegensatz zu den Schwaben, bei denen kein Licht eingeschalten werden darf, bevor nicht die letzte Ritze des Rolladens geschlossen und alles vollständig verdunkelt ist. Der Nachbar sieht sonst womöglich, daß man diese Woche noch nicht geputzt hat oder welche Möbel man im Wohnzimmer stehen hat. Wer hiervon eine Ausnahme macht, dient den anderen automatisch als willkommenes Opfer, welches unbedingt zu beobachten ist, häufig erkennbar daran, daß die Gardinen tagsüber nicht vollständig zugezogen werden, sondern in der Mitte immer ein Spalt von ca. 20 Zentimetern offen bleiben. Der Nachbar darf zwar nicht wissen, was in den eigenen vier Wänden geschieht, selber will man über den anderen aber immer gut informiert sein.

Manchmal fände ich es ja ganz interessant, was für ein Bild eigentlich unsere Nachbarn von uns haben. Während Daniel mehr für das Organisatorische in unserer Beziehung zuständig ist (Wir sollten mal wieder....) und daher häufig am Computer oder lesend auf dem Sofa sitzt, könnte man mich eher als die Exekutive (Ich erledige das schnell...) bezeichnen. Dabei neige ich allerdings häufig dazu, hektisch und teilweise auch etwas unkoordiniert durch die Wohnung zu laufen. Für die Nachbarn wirkt das sicherlich, als entspräche unsere Beziehung genau den gängigen Rollenklischees von Mann und Frau. Aber vermutlich macht sich hier keiner wirklich Gedanken darüber.

Aber ich schweife ab. Während also hier in Köln doch jeder mehr oder weniger sein eigenes Leben führt unbehelligt von den Nachbarn, sind diese im Schwabenland meist ganz gut über einen im Bilde. Als ich noch in Stuttgart lebte, wohnte ich eine Zeit lang in einer kleinen Wohnung mit Dachbalkon im 4. Stock. Meine Wohnung hatte den Balkon als einzige nicht zur Straßenseite hin, sondern auf der Rückseite des Hauses. So blickte ich direkt auf das dahinter stehende Mehrfamilienhaus, dessen Balkone wiederum in meine Richtung zeigten. Eines Tages hatte ich meine Schwester und meinen Schwager zu Besuch und wegen des schönen Wetters saßen wir draußen auf dem Balkon und unterhielten uns. Gegenüber saß eine Familie mit zwei kleinen Mädchen beim Mittagessen. Daß wir Gesprächsthema am Mittagstisch waren, wurde uns spätestens dann klar, als eine der beiden Kleinen laut und deutlich sagte: 'Doch Papa, der sitzt da mit zwei Frauen!'

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